2022- Narsaq – Grønnedal

2022- Narsaq – Grønnedal

Über 70 km/h Wind. Schon wieder nagelt uns das Wetter fest. Hinter einem Felsblock in einer wilden Schärenlandschaft haben wir unser windiges zu Hause mit Heringen und Steinen gesichert. Die Böen kündigen sich mit einem Rauschen an. Dann knattert die Zeltwand und die Stangen biegen sich durch. Gut, dass wir diesen geschützten Platz gefunden haben. Alles ist gut, so lange der Wind nicht dreht! Das frei im Wind stehende Wollgrasfeld gegenüber wird kräftig durchgepeitscht. Wir sind happy!

10 Tage zuvor in Narsaq (Südgrönland): Wir landeten am vorletzten Tag einer längeren Schönwetterperiode. T-Shirt Wetter. Narsaq im Zeichen des Sommers. Glockenblumen und Hahnenfuß wiegen sich in der Sommerbrise. Unsere Freunde Monika & Paul holen uns mit ihrem Schlepper am Heliport ab und bringen uns in unser Basecamp, ein wunderschönes 2 Personen Ferienhaus über dem Eisfjord. Auf dem Wasser ziehen die Eisberge vorbei. Da kannst Du endlos zuschauen! Glücklich wieder in Grönland! An den nächsten Tagen holen wir die Kajaks aus dem Winterschlaf. Vorbereitender Check für die nächste Etappe zur Westküste. Einkaufsliste abarbeiten, alles runter zum Strand schaffen, beladen und dann wieder ein Moment des Abschieds von unseren Freunden. Kirsten hat einen Blumenstrauss auf Ingrids Vorderdeck geknüpft. Wir umarmen uns, rein in die Kajaks und winkend verlassen wir die Bucht. Narsaq wird immer kleiner. Die Kajaks liegen tief im Wasser. Autark für knapp 4 Wochen zu sein hat seinen Preis. Auch die letzten Lücken in den Gepäckfächern haben wir mit Lebensmitteln vollgestopft. Nicht schon wieder zu wenig dabei haben. Wir haben dazugelernt im Laufe der Jahre.

Das Seayak liegt tief im Wasser – mehr passt nicht rein!

Die Langzeit-Wetterprognose ist schon bei der Abreise etwas ernüchternd. Zügig durchfahren wir den Bredefjord bei noch blauem Himmel in Richtung Westen und entscheiden uns alsbald für die Insidepassage rechter Hand durch den Torssukatakfjord. Dieser Fjord endet mit einer „Passage“, welche bei Flut durchfahren werden kann.

Eis im Bredefjord

Nach 2 Paddeltagen kommt der vorhergesagte Regen. Wir hängen 24 h im Zelt fest. Das macht nichts! Wir sind so müde, dass wir wie die Murmeltiere durchschlafen. Die Strecke nach Arsuk führt durch eine nicht ganz so spektakuläre Schärenlandschaft. Der Ikeragssuaq ist eine Wasserstraße nach Westen und echt ein wenig langweilig. Stundenlang geht es in Richtung Horizont und es will kein Ende nehmen. Aber in der Ferne winken bereits höhere Berge. Endlich biegen wir zwischen den Inseln ab in Richtung Norden. Vor ein paar Jahrzehnten wurde hier ein kleiner Kanal (Nyboes Kanal) zwischen zwei Inlets gesprengt. Daher können kleine Boote da durchfahren und ersparen sich einen riesigen Umweg über das offene Meer. Das hilft uns ebenfalls. Nach dem Kanal wettern wir den eingangs beschriebenen Sturm ab. 2 Tage dauert der Sturm und wir setzen unsere Reise auf einem inzwischen beruhigten Meer fort. Die Navigation ist heuer mühsam. Die SD-Karte im GPS Gerät ist korridiert. Blöderweise hatte ich das zu Hause nicht gecheckt! Es läuft nur die grobe Standard-Seekarte auf dem Garmin. Gut dass wir immer noch normale Papierkarten als Backup mit dabei haben. Im Groben funktioniert die Navigation auch mit dem Maßstab 1:250.000. Aufgrund der beschränkten Dackelperspektive im Kajak ist das Potential für „Verhauer“ zwischen den Inseln jedoch recht groß. Wir sind ein eingespieltes Team. Und selbst im Regen und bei Gegenwind haben wir keinen Stress. Läuft!

Bei endlich strahlendem Sonnenschein wird die Passage immer enger in Richtung Qippisarqaq. Bei Niedrigwasser kommt eine riesige Sandbank zu Tage. Wir ziehen die Kajaks gerade noch rechtzeitig darüber hinweg. Sieht irgendwie witzig aus, wie Ingrid scheinbar über das Wasser läuft. Abends erreichen wir den Ikafjord. Hier wollen wir ein paar Tage trekken und relaxen. Ein mächtiger Moschusochse begrüßt uns am Fjordeingang. Der Wind weht durch sein zottiges Fell. Die gebogenen Hörner und die Hornplatte am Schädel sind furchteinflößend! In der Brunftzeit rennen sich damit die Kontrahenten den Schädel gegenseitig ein. Eindeutig ist der Moschusochse mit den Ziegen verwandt. Die Inuit nennen sie Ummimaq – „Bärtiges Felltier“, was wirklich eine zutreffende Beschreibung ist.

Moschusochse oder grönländisch Ummimaq

Am Ende des Ikafjordes befindet sich eine kleine rote Hütte für Jäger, Naturfreunde und Wissenschaftler. Die dänische Universität Kopenhagen hat hier vor ein paar Jahren an großen Unterwassersäulen geforscht. Bei klarem Wasser kann man ungefähr erahnen, dass hier eine Art Riff aus dem Mineral „Ikaite“ mit bis zu 18 m hohen Säulen entstanden ist. Wir landen an, schlagen unser Zelt auf und haben auch gleich Glück mit dem Fischen. Die Saiblinge schmecken vorzüglich! Irgendwie paradisisch. Auf der anderen Fjordseite zieht friedlich eine große Moschusochsenherde von Weide zu Weide. Da bleiben wir doch gleich ein paar Tage.

Die große Stille

Eine Tageswanderung führt uns auf die Berge nördlich von unserem Camp. Trotz des wolkigen Wetters sind die Gipfel gerade noch frei. Nördlich liegt der Arsukfjord in den wir von oben schon mal hineinschauen können. Neben den „Bärtigen Felltieren“ treffen wir immer wieder auf Schneehühner. Sie sind super getarnt und fliegen erst auf, wenn man schon fast drauftritt. Es sind sehr schöne Vögel, mit einem roten Überaugenstreif.

Schneehuhn (Lagopus Muta)

Nach ein paar Tagen beladen wir erneut die Kajaks um in den Arsukfjord überzusetzen. Dort liegt der Militärposten Grönnedal und die stillgelegte Kyrolitmine Ivigtut. Noch ahnen wir nicht, dass wir bald den kritischten Moment der Reise erleben werden. Es ist windstill im Fjord und wir laufen mit der Ebbe aus. Nach zwei weiteren Stunden Rückenwind – wir haben ein flottes Tempo drauf. Wie cool! Doch die nahende Fjordkreuzung hat es in sich. Plötzlich große Wellen, Schaumkronen, starker Wind – erst von hinten und dann von Vorne. Wird es hinter dem Kap noch unberechenbarer. Eine schnelle Entscheidung muss her. Raus aus der fiesen Kreuzsee. Schläge von allen Seiten. Wir gehen auf Nummer Sicher und kämpfen uns eine ganze Stunde gegen den Wind hinüber ans andere Ufer. Wir kommen kaum voran. Das GPS zeigt 1 – 2 km/h an. Trotzdem schneiden die Seekajaks souverän durch die turbulente See. Wir kämpfen Seite an Seite! Der Bug taucht tief in die Wellen und Salzwasser überspült das Deck. Endlich erreichen wir eine sichere Bucht. Was war passiert? Der Wind aus verschiedenen Tälern und Fjorden führte offenbar zu dieser turbulenten Mischung. Zudem traf das auslaufende Wasser auf die einsetzende Flut – so unsere Interpretation.

Wir gönnen uns ein paar Müsliriegel und stellen rechtzeitig vor dem einsetzenden Regen unseren roten Wurm (es ist einfach ein langes Zelt) auf. Sicherheitshalber schleppen wir noch ein paar dicke Steine vom Strand und beschweren damit die Zeltheringe. Schon wieder regnet es – auch am nächsten Morgen um 5:00 Uhr! Rein in den Trockenanzug. Das ist dann schon mal viel erträglicher! Im Grunde macht dann der Regen auch gar nichts mehr aus. Es ist trotzdem unangenehm ein nasses Zelt mit der Aussicht zu verpacken, abends ein triefendes Zelt wieder aufzustellen.

Vor dem Regen rechtzeitig aufgestellt. Unser Hilleberg leistet immer gute Dienste!

Auf nach Grönnedal. Das dänische Militär hält dort die Stellung. Das Kasernengelände im middle of Nowhere wird nach wie vor von Dänemark unterhalten. Angesichts der aktuellen geopolitischen Lage nur zu verständlich! Über unser InReach Gerät haben wir uns bereits beim wachhabenden Sergant angemeldet. Gegen Mittag erreichen wir zunächst die alte Mine. Es regnet reichlich!

Fette Regentropfen

Seit 1850 wurde hier Kyrolit abgebaut. Kyrolit senkt den Schmelzpunkt von Aluminium erheblich. Das war vor allem im 2. Weltkrieg wichtig für den Bau von Flugzeugen. In den 80 er Jahren wurde später die Tagebaumine aufgegeben und geflutet. Seither entwickeln sich die Gebäude zu einer Geisterstadt. Wir passieren das Minengelände und fahren noch eine weitere Stunde bis Grönnedal. 2 Soldaten erwarten uns bereits. Das dänische Militär hatte im Vorfeld zugestimmt, dass wir unsere Kajaks und die Ausrüstung über den Winter 2022 / 2023 einlagern dürfen. Das ist für uns extrem hilfreich. Vielen Dank! Der Sergant bittet jedoch um Verständnis, dass wir als Zivilisten nicht in der Kaserne übernachten dürfen, auch wenn das Wetter heute so dermaßen unfreundlich ist. Aber die Beiden empfehlen uns eine Hütte in der nächsten Bucht am Lakseelv. 40 Minuten später können wir unser Glück nicht fassen! Eine super tolle Hütte. Das ist ein spitzen Basecamp für die nächsten Tage!

Die Moschusochsen werden immer zutraulicher!

Wir trockenen am nächsten Tag unsere Klamotten in der milden Augustsonne. Aber nachmittags werden wir schon wieder ungeduldig. Rauf auf die Berge. Wir klettern links eines beeindruckenden Wasserfalls weglos auf die Anhöhe. Mit einer unglaublichen Wucht stürzt der Wasserfall nach unten ins Tal. Ein großartiger Tag!

Wieder sind wir früh auf den Beinen. Wir nutzen das gute Wetter für einen Ausflug zum Fjordende. Zunächst geht es auf Glattwasser voran. Der Frost hat in einigen Buchten eine zarte Eishaut auf dem Arsukfjord gezaubert. Klirrend paddeln wir am Ufer entlang bis in die Foxbay und weiter entlang einer Möwenkolonie zum Fjordende. Wir finden einen wunderbaren Zeltplatz und bewundern mit Einbruch der Nacht die ersten Polarlichter.

Arsukfjord am 18. August 2022

Das Ende der Reise naht. Wir legen in Grönnedal an und schaffen die Kajaks an Land. Das dänische Militär hat uns einen super Platz für unsere Ausrüstung vorbereitet. Hier können unsere Kajaks überwintern. Vielen, vielen Dank! Im Sommer 2023 geht es weiter in Richtung Norden!

Ziel erreicht: Grönnedal
Ivigtut. Die Kyrolytminie wurde in den 80 ern aufgegeben.
Arsuk Trockendock
Ivigtut – Geisterstadt mit der ehemaligen Villa der Minengesellschaft
Die Polarlichter tanzen am Himmel