2020 Kajak, Biwak & Fly

2020 Kajak, Biwak & Fly

 

Solo mit dem Gleitschirm von Aappilattoq zum Ulamertorsuaq (Tasermiutfjord)

Die Rotorblätter der Bell 212 drehen sich immer schneller, es wird laut- und der schwere Air Greenland Helikopter hebt ab – macht ordentlich Wind. Ich winke den beiden Piloten zu, die mich gerade hierhergebracht haben und jetzt zurückfliegen nach Nanortalik, entlang unglaublich bizarrer Berge und Gletscher. Einer der beiden Piloten ist selbst Gleitschirm- und Drachenflieger. Die Welt ist klein!

Der rote Hubschrauber ist verschwunden – kein Lärm mehr und auch kein Wind. Ich stehe in Aappilattoq, der letzten Siedlung in Südgrönland unweit des Kap Farvel. 90 Einwohner, ein letzter Außenposten der Zivilisation. Ein paar bunte Häuser, eine Kirche und eine kleine Fischfabrik umrahmt von spitzen Bergen und begrenzt durch das Meer – beeindruckend. Ich schnappe meinen Rucksack und laufe den Weg vom Heliport in die Siedlung hinunter. Dort treffe ich Timo, einen Robben- und Eisbärenjäger. Er wird mich zu meinem Ausgangspunkt nach Isortusut bringen.

Landeanflug: Die 90 Seelen-Siedlung Aappilattoq (rechts)

 

Air Greenland Bell 212 beim Start

Im Dorfladen besorge ich mir Brot und wenig später flitzen Timo und ich mit seinem Außenborder über das Wasser in Richtung Norden. Geradezu beiläufig erwähnt er, dass im Nachbarfjord ein Eisbär gesichtet worden sei. „Hast Du ein Messer dabei?“ Bei dieser Frage greife ich instinktiv zu meinem Klappmesser in meine Hosentasche. „Wenn ich mit dieser Klinge einen Eisbären in die Flucht schlage, schaffe ich es bestimmt auf die Titelseite jeder Tageszeitung“, denke ich mir. 10 Minuten später landen wir an. Timo wünscht mir noch viel Glück. Er würde da nie laufen und eigentlich macht das auch niemand, so quer durch die Berge auf dieser Route – mit einem Paraglider sowieso nicht! „Ziemlich crazy“, und schon rast er mit seiner übermotorisierten Nussschale zurück über den Fjord.

Rückblende: Auf diese Tour habe ich mich intensiv vorbereitet und viel trainiert. In den Tegernseer Bergen schleppte ich bei schlechtem Wetter Rucksäcke mit nutzlosem, aber schwerem Inhalt rauf und runter. Bei gutem Wetter unternahm ich an den Wochenenden Flüge. Natürlich immer zu Fuß rauf. Zu Hause wurde die Ausrüstung dann sukzessive optimiert oder einfacher gesagt reduziert. Immer mehr flog vom Stapel und am Ende kontrollierte ich pedantisch das Gewicht mit Hilfe einer Excel Tabelle. Es würde eng werden. Meine eigentliche Vorbereitungstour unternahm ich in Grönland. Mit meinem Kajak fuhr ich nach einer 5- tägigen Corona Quarantäne in den Eisfjord bei Narsaq. Die Gletscher aus dem Inlandeis hatten so dermaßen viel Eis ausgespuckt, dass ich mehr auf dem Eis als im Wasser gefahren bin. Krallen am Paddel wären nützlich gewesen. Es war wie in einem Whiskeyglas mit Eiswürfeln. Stundenlang musste ich mich durchkämpfen. Aber immer wieder öffneten sich Kanäle und am Ende erreichte ich eine eisfreie Bucht in der ich mein Zelt aufschlug.

Kajak, Biwak & Fly in der Bucht von Tasiusaq

Eine Woche lief ich auf meist namenlose Berge mit annähernd 1.000 m Höhe. Das Terrain manchmal einfach (baumfreie Tundralandschaft), zum Teil auch schwierig. Geröll- und Schneefelder, steile Hänge, zu querende Flüsse, lose Steine. Manche Gipfel machten den Eindruck, als ob da noch nie jemand vor mir oben gestanden ist – unberührte Natur. Zwischendurch besuchten mich unsere Freunde Jacky und Birgitte aus Narsarsuaq. Sie hatten meine Position über den Satellitensender (InReach Mini von ProteGear) und kamen für eine knackige Tour vorbei. Das Wetter war blau, schwachwindig, geradezu unwirklich warm und mit der Ausrüstung klappte es hervorragend. Gleitschirm, Gurtzeug, Zelt, Schlafsack, Kocher – alles so optimiert, dass Gewicht, Zuverlässigkeit und Haltbarkeit zueinander passten. Einziges Problem: Das Essen. Für eine längere Tour würde es mit dem Gewicht eng werden. Die Starts und Landungen verliefen unspektakulär. Grund für problemlose Starts waren die Schneefelder, die der vergangene Winter übriggelassen hatte. Ansonsten wäre es schwierig geworden. Auf den höheren Bergen liegen überall Steine, meist Geröll. Die Leinen verheddern sich furchtbar darin. Um das schwere Gewicht des Rucksackes beim Fliegen auszugleichen, verfrachtete ich ein Teil des Gepäcks in eine Art Frontcontainer. Für die Tour wählte ich einen Advance PI mit 27 Quadratmetern. 3 kg Schirmgewicht, minimales Packvolumen und sichere Start-, Flug- und Landeeigenschaften waren die entscheidenden Kriterien. Weite und lange Flüge wären in Grönland ohnehin nicht zu erwarten, weshalb ich auf meine XC-Ausrüstung verzichtete. Die Trainingswoche endete mit der Gewissheit, dass der Plan für meine Biwak & Fly Tour von der Siedlung Aappilattoq bis zum sagenhaften Ulamertorsuaq im Tasermiutfjord wahrscheinlich aufgehen müsste. Aber es gab noch etwas: Meine Partnerin war wegen einer schmerzhaften „Frozen Shoulder“ dieses Jahr nicht dabei und allein in der Wildnis ist eine völlig andere Nummer, durchwegs mehr herausfordernd.

Hike & Fly in meinem Camp am Eisfjord östlich von Eqaluit Iluat
Eisbarriere auf der Rückfahrt nach Narsaq

Allein

Nun gibt es kein zurück mehr – es gibt nur noch eine Richtung. Der Motor von Timo verhallt. Zurück bleibt Stille und ein bleierner Himmel. Es sieht nach Regen aus. Bevor ich loslaufe genehmige ich mir ein fettes Wurstbrot. Damit wird der Rucksack ein paar Gramm leichter. Ein letzter Blick auf die Karte und dann geht es mit dem ersten Schritt endlich los. Leichtes Gelände. Ich folge dem Fluss auf der rechten Seite und laufe bis zum Abend immer tiefer in das Tal hinein. Melancholische Stimmung – Schneebänder spiegeln sich im Wasser.

Wildes Grönland

Am Ende des Sees finde ich eine ebene Fläche auf einer wunderbaren Wiese. Optimal, um mein kleines 1200 Gramm Hilleberg Zelt aufzustellen. Feierabend. Bald summt der Benzinkocher und ich bewundere beim Essen die Gletscher in der wilden Landschaft. Die Wolkenbasis sinkt langsam ab und es beginnt zu regnen. Was gibt es Schöneres, als dann in die trockenen Federn zu kriechen. Tag 1 ist optimal gelaufen.

Tag 2 beginnt mit einem kräftigen Müsli. Kraft werde ich noch brauchen. Der Rucksack ist immer noch mindestens 25 Kilo schwer und das Gelände hat sich schlagartig verändert. Mühsam klettere ich über eine Seitenmoräne des zurückgewichenen Gletschers. Die Blöcke sind teilweise haushoch, alles ist lose. Immer wieder bleiben meine Carbon Teleskopstöcke in Spalten hängen und drohen abzubrechen, wenn ich mich über die Steine hochwuchte. Verlockend einfach sind dagegen Schneefelder. Wenn Bäche den Schnee ausgehölt haben, sind diese aber morsch und heimtükisch. Andere Schneefelder sind wunderbar kompakt und tiptop zu begehen. But: You never know. 2 x breche ich mit dem schweren Rucksack hüfthoch ein. Zurück bleiben schwarze Löcher. Adrenalin im Blut. Red Alert. Also besser Umwege in Kauf nehmen. Am frühen Nachmittag erreiche ich den Pass. Unter mir der in der Karte eingezeichnete See. Der Wind hat offenbar die Eisschollen geknackt.

Links um den See und dann weiter über verblocktes Gelände

Skeptisch betrachte ich ein großes, steiles Schneefeld vor und unter mir – eine Rutschbahn mit Abschussrampe direkt ins eiskalte Wasser. Der Schnee ist zum Glück aufgefirnt und ohne ein erfrischendes Bad im See gelingt die Querung problemlos. Nachdem ich einen Gletscher passiert habe, wird das Gelände einfacher. Ein kleiner Fluss schlängelt sich in Richtung Torsukattakfjord. Dahinter liegt die Insel Pamiagdluk mit ihren zackigen Bergen. Ich biege vorher links ab. Nochmal 200 Höhenmeter rauf. Die Mühe lohnt sich. Ohne zu übertreiben – hier oben entdecke ich meinen spektakulärsten Campsite ever. In einer mit weichen Krähenbeeren bewachsenen breiten Felsspalte schlage ich mein Zelt auf – es passt genau hinein. Die Aussicht ist schlicht und ergreifend phänomenal.

Passt genau rein – hoch über dem Torsukattakfjord

3 Nächte bleibe ich hier oben. Als erstes erkunde ich am nächsten Tag ohne Gepäck auf der Suche nach einem geeigneten Startplatz erfolglos den Nachbarberg (990 m über dem Meer). Immerhin werde ich etwas schlauer, was die möglichen Notlandeplätze am Fjord betrifft. Der Hang fällt generell steil ins Wasser, aber bei Ebbe gibt es ein paar Möglichkeiten, falls ich es nicht zu meinem geplanten Landeplatz nach Stordalen schaffen sollte. Rechnerisch müsste es sich ziemlich genau ausgehen – aber viel Spielraum gibt es nicht.

Torsukattakfjord – mystische Stimmung

5 Minuten von meinem Zelt entfernt entdecke ich abends eine geneigte Granitplatte. Nicht wirklich lang, aber mit etwas Vorwind und Phantasie ist ein sicherer Start möglich. Mit dem ganzen Gepäck beträgt mein Abfluggewicht immerhin rund 100 Kilo.  Den möglichen Startplatz behalte ich auf alle Fälle im Hinterkopf. Ohnehin regnet es erstmal einen kompletten Tag. Knappe 36 Stunden liege ich fast durchgehend im Zelt, aufgelockert durch eine Satelliten-Motivationsmail von meinen Freunden Paul und Monika aus Narsaq und Musik aus den Ohrstöpseln. Eigentlich ist mir die Pause willkommen. Zeit zum Regenerieren, Zeit zum Nachdenken – ein echter Luxus. Es gibt nichts zu tun, nichts lenkt ab und es ist mir alles andere als langweilig – ich habe einfach nur Zeit und bin happy. Selbst die über Satellit abgerufene automatische Wetterprognose  mit Regenvorhersage bringt mich nicht aus der Fassung.

Die Prognose ist weit entfernt vom Optimum – aber es tangiert mich nicht wirklich.

Irgendwann hat es aufgehört zu regnen. Bereits um 6:00 bin ich auf den Beinen. Schaut gut aus. Mein Wetterexperte Robin hat mir aus Deutschland über Satellit eine deutlich verbesserte Vorhersage geschickt. Es gibt ein kleines Startfenster am Vormittag, danach dreht der Wind auf Ost und wird stärker. Sollte ich dieses Fenster verpassen, bleibt nur noch der weite Abstieg zu Fuß über schroffes Gelände. Nachdem ich alles zusammengepackt habe, laufe ich zu meinem spektakulären Startplatz. Der Wind steht optimal an. Das verkürzt die Startstrecke erheblich. Dafür stehe ich nun in der Wolke, die sich unter mir aufbaut. Keine Sicht – kein Start – es ist gruselig nasskalt. Ich warte! Nach über zwei Stunden reißt es kurz auf, der Wind steht immer noch an. Nichts wie raus! TAKE OFF und ich verlasse fliegend und jubelnd diesen einzigartigen Platz in Richtung Westen. Unter der Wolke verliere ich kaum an Höhe und am Hang piepst sogar zaghaft das Variometer – phantastisch der Blick über den Fjord aus der Vogelperspektive. Die Flugzeit bis zur Landung beträgt mit 650 Höhenmetern kaum 20 Minuten. Es ist trotzdem einer meiner großartigsten Flüge. Der Plan ist aufgegangen. Sanft setze ich in Stordalen gegen den Wind auf. Ein Gefühl wie nach meinem ersten 100 Kilometerflug. Unbeschreiblich. Zur Feier des Tages spendiere ich mir selbst einen meiner raren Energieriegel. Beim Zusammenlegen meines Flügels geht der Blick zurück über den Fjord zu meinem Startplatz: Der Berg ist wieder in Wolken. Alles richtig gemacht!

….Landung in Stordalen und Blick zurück zu meinem Startplatz!

Nach einer ordentlichen Brotzeit mit Speck und Käse geht es zurück auf denBoden der Tatsachen. An Fliegen ist heute nicht mehr zu denken – zu Fuß geht es weiter. Das Tal Itillersuaq (grönländisch: großes Tal zwischen den Fjorden) ist einfach zu begehen. Hin und wieder sind dort auch Hiker unterwegs. Dieses Jahr treffe ich keine Menschenseele, weil wegen Corona niemand unterwegs ist. Am Ende des Itillersuaq liegt die kleine Siedlung Tasiusaq (grönländisch: Meeresbucht- einem See ähnlich). Der Rucksack ist immer noch schwer, trotzdem laufe ich ein flottes Tempo. So ungefähr 20 Kilometer schaffe ich noch an diesem Nachmittag, ein paar erfrischende Flussüberquerungen inklusive.

Zwischen Stordalen und Tasiusaq – zugeschliffene Berge

In der Dämmerung erreiche ich die Bucht von Tasiusaq mit der gleichnamigen Siedlung gegenüber. Etwas außerhalb befindet sich die Schaffarm meines Freunds Malik und seiner Familie. Ich glaube, er hat mich schon von weitem gesehen. Jedenfalls hat er bereits groß aufgekocht und wir feiern unser wiedersehen. Gierig verschlinge ich Kartoffeln und Fleisch. Es ist ein richtig lustiger Abend.

Dennoch ziehe ich am nächsten Morgen gleich weiter. So gerne ich bleiben möchte; ich will meinen Reiserythmus nicht unterbrechen. Den Shop von Tasiusaq erreiche ich rechtzeitig vor Ladenschluss gegen 11:00 Uhr. Es ist Samstag. Angesichts der Auswahl bin ich etwas ernüchtert. Trockennahrung gibt es nicht wirklich. Somit erreicht mein Rucksack wieder sein Ausgangsgewicht mit seltsamen Lebensmitteln, wie zum Beispiel tiefgefrorene rotgefärbte dänische Würstchen und Paprika Chips. Nach einem netten Ratsch mit der Ladenchefin bin ich schon wieder auf meinem einsamen Weg in Richtung Norden. Die Wettervorhersage bleibt bescheiden. Hier im Tasermiut, so hatte ich mir es vorgestellt und so ist es auch, sind die Flanken der Berge optimal für den täglichen Fjordwind angeströmt. Mit etwas Sonne und Thermik müssten längere Flüge drin sein. Immerhin kann ich im „JoJo Stil“ hin und wieder fliegen. Also Berg rauf, runter zum Strand fliegen und weiter. Ein junger Seeadler fliegt dabei neugierig zu mir. Schnabel und Krallen sind beeindruckend! Aber auch er muss mit den Flügeln schlagen.

Selbst der Seeadler findet nicht wirklich Thermik
….immer weiter. Ganz hinten fließt das Inlandeis in den Tasermiut.

Irgendwann erscheint in der Ferne der Ulamertorsuaq. Dieser sagenhafte Berg ist eine wahnsinns Granitsäule. Knapp 2.000 m und fast senkrecht reckt sich die Wand in den Himmel. Vor den Granitriesen gibt es noch eine heikle Flussquerung. Das Wasser rauscht mit Gewalt und Lärm über die Granitplatten. Mehr als eine Stunde suche ich nach einer Furt. Es wäre schlau sich anzuseilen – ein Seil habe ich aber nicht dabei und drüber fliegen geht auch nicht. So probiere ich die Querung erstmal ohne Rucksack in meinen Neoprenschuhen. Das Wasser zieht mir fast die Füße von den Felsen. Die Carbonstöcke vibrieren vom Wasserdruck. Step by Step und es klappt. Nochmal durch und dann ist der Gleitschirm auch auf der anderen Flussseite.

Ein Streifen Sonne im wolkenverhangenen Tasermiut

Nach vielen Kilometern stehe ich am Fuße des Ulamertorsuaqs. Ungläubig schaue ich zum Gipfel, denn nur ein schmaler Sonnenstreifen beleuchtet den Gipfelaufbau. Im letzten Licht baue ich mein Zelt auf und koche mein dürftiges Menü aus getrockneten Nudeln, Kartoffeln und Dörrfleisch. Es schmeckt trotzdem ausgezeichnet und ich bin richtig gut drauf. Zum Nachtisch startet alsbald ein sensationelles Himmelspekatakel. Es hat aufgeklart und plötzlich wird der Nordhimmel lebhaft – überall Polarlichter. Die grünen Schleier zucken und tanzen über meinem Kopf. Ich kann mein Glück kaum fassen. Eine unglaubliche Zufriedenheit macht sich breit.

Polarlichter tanzen am Nachthimmel

Ernüchterung am nächsten Tag. Wieder mal Regen. Am Ende bin ich erneut über 30 Stunden ununterbrochen im Zelt. Nur zögerlich wird es besser. Via Satelit schickt mir Robin den Wettertrend. Übermorgen wird der beste Tag der Woche. Hoffentlich hält die Prognose. Ich packe alles zusammen und laufe anschließend in ein ziemlich unbekanntes Seitental hinter die Granitriesen. Nach stundemlangen Kampf über haushohe Granitblöcke, die irgendwann vom Berg runtergepurzelt sind, probiere ich es am Flussufer durch undurchdringliches Weidengestrüpp. Anstrengend ist kein Ausdruck. Doch am Ende ist der Buschgürtel überwunden – leichteres Terrain. 3 Polarhasen hoppeln vor mir durch die Tundra – schneeweiß und ziemlich schlecht getarnt. Nach nur wenigen Kilometern und einem kompletten Tag schlage ich mein Zelt unter dem Gletscher auf. Vor dem Abendessen spurte ich noch, nur mit meinem Gleitschirm bewaffnet, auf einen Berg oberhalb und genieße einen Abgleiter hinunter zu meinem roten Zelt.

Der Polarhase bleibt auch im Sommer schneeweiß
Abschmelzende Gletscher kleben noch an den dunklen Granitbergen.

Der wettertechnisch beste Tag der Woche hält nicht annährend sein Versprechen. Absinkende Wolken. Ich steige trotzdem hinauf zum Ulamertorsuaq. Auf halber Höhe unterhalb der Westwand liegt mein Startplatz. Die Bergflanke ist elendig steil. Irgendwie schwindet meine Energie. Der Akku ist leer. Ich merke die Anstrengung der letzten Tage und Wochen. Vielleicht hätte ich doch mehr Kohlenhydrate mitnehmen sollen. Ich verschlinge einen Energieriegel und umgekehrt verschluckt mich umgehend die Wolke. Ich klettere weiter auf den Berg bis ich den Westgrat erreiche. Weiter oben ist es nicht startbar. Ich bin zu hoch gestiegen. Zu wild die Felsen, zu steil das Gelände. Ich muss absteigen und finde auf kanpp 1.000 m Höhe einen einigermaßen brauchbaren Mini-Startplatz. Immer wieder reißt es Lücken in meine Wolke, draußen scheint schon längst die Sonne und der Wind weht zum Starten aus der richtigen Richtung. Ich zupfe an den Leinen, der Schirm füllt sich und steht über mir wie eine eins. Ich lasse mich vom Wind unterstützt noch ein paar Meter den Berg hinaufziehen, um meine Startstrecke zu verlängern. Federleicht hebe ich ab. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und vor der Wolke beginnt mein Vario zu piepsen. Es geht nach oben. So nah liegt es zusammen: Mühsal und unendliche Freude. Ich bin am Ziel!

Am Ziel – Thermikfliegen vor den Granitriesen im Tasermiut
Paragliding Greenland

Epilog:  Ich blieb noch ein paar Tage am Ulamertorsuaq und flog von verschiedenen Bergflanken. Trotz insgesamt durchwachsenen Wetters konnte ich ein paar Thermikbärte auskurbeln. Mit bis zu 3 m /sec ging es in Richtung Basis. Diese Soloreise war so dermaßen intensiv, herausfordernd und frei, was nur schwer in Worte zu fassen ist. Immer wieder begleiteten mich auch neugierige Polarfüchse auf meinem Flugtrekking von Aappilattoq zum Tasermiut. Die meiste Zeit bin ich gelaufen, die Flüge waren sensationell. Mein Freund Malik holte mich schließlich mit seinem offenen Boot bei kräftigem Regen ab. Noch am gleichen Abend spielten wir zusammen mit der Dorfjugend von Tasiusaq Fußball. Sechs Tage dauerte meine Rückreise nach München. Ganz besonders möchte ich unseren Freunden Paul & Monika in Narsaq für die großartige Unterstützung danken. Sie haben übrigens eines der wenigen Ferienhäuser in Grönland. Es liegt oberhalb von Narsaq mit einem traumhaften Blick über den Fjord mit seinen Eisbergen: https://www.ferienwohnungen.de/ferienhaus/999/

Junger Polarfuchs