Kap Farvel Fjorde 2018

Kap Farvel Fjorde 2018

Unser Quartier in Nanortalik

Nanortalik / Südgrönland im August 2018: Mit dem Umlegen des Hebels, öffnet sich quietschend unser Container. 11 lange Monate hatten wir unsere beiden Kajaks in dem Container von Niels eingelagert. Nun geht es weiter. 2017 mussten wir wegen des wechselhaften Wetters unsere geplante Fahrt in die Fjorde nördlich des Kap Farvels mit der Umrundung von Pamiagdluk abbrechen. Zu tricky war die Wetterprognose mit hohen Windgeschwindigkeiten, da wir auch den Rückweg über die Open Sea Passage zurück nach Nanortalik einplanen mussten. 2018 haben wir etwas mehr Zeit eingeplant, denn wir wollen unbedingt nochmal in diese sagenhafte Gegend und noch ein bißchen weiter Richtung Osten. Spitze, schneebedeckte Berge mit traumhaften Fjorden – wild und einsam. Kaum zu glauben, dass es so etwas auf unserem Planeten noch gibt. Bevor wir starten, haben wir noch viel zu erledigen. Im großen Brugsen Supermarkt halten wir optimistisch Ausschau nach dem ziemlich notwendigen „Reinigungsbenzin“ für unseren Kocher. „Komplett ausverkauft“, erklärt uns der dänische Marktleiter, „aber probiert es doch einfach mal bei der Konkurenz“. Also rüber zum Pillersuisoq Supermarkt. Da gibt es im Grunde alles vom Fahrrad bis zur Waschmaschine, aber es steht auch hier kein „Rensebenzin“ im Regal. Wir sehen uns schon mit rußendem Normalbenzin unsere Suppen kochen, als eine strahlende Grönländerin mit einer Schachtel und 8 Flaschen Benzin aus dem Depot kommt. Problem erledigt. So läuft das den ganzen Nachmittag und am Ende des Tages ist unsere Arbeitsliste erfolgreich  abgehakt. Geht doch! Bemerkenswert ist an diesem Tag noch folgendes: Hunderte von Australiern und Engländern sind in der ganzen Stadt unterwegs. Der Grund: Ein schneeweißes Kreuzfahrtschiff liegt vor Anker – einmal um die Welt –  Zwischenstopp in Grönland. Eine nette alte Dame aus Adelaide, weit über über 80 Jahre alt, macht ein Foto von uns und wir kommen mit ihr ins Reden. Sie will noch einmal die Welt umrunden und wenn sie jünger wäre, würde sie natürlich auch das Kajak nehmen. Wir wünschen uns gegenseitig eine gute Reise. Zu guter Letzt: Mein rotes Boot braucht noch einen Namen: AAPPILATTOQ halte ich für mein großes und etwas träges Kajak für passend. Auf grönländisch großer roter Berg oder rote Seeannemone. Und dann ist da noch etwas: Aappilattoq heißt auch die letzte Siedlung vor dem Prins – Christian – Sund und der Ostküste, welche wir anlaufen werden. Menschen an einem sehr einsam Platz. Mit einem Schluck Schluck Rotwein stoßen wir an: Auf eine glückliche Reise!

Früh sind wir auf den Beinen. Alles muss erst seinen Platz finden. Das Gepäck für mehrere Wochen wird in den Luken verstaut. Mit auflaufender Flut stoßen wir uns vom Ufer ab. Helmut und Heike, zwei Trekker aus Deutschland, winken uns zum Abschied zu. Nach nur wenigen Minuten verschluckt uns der Nebel. Mit dem GPS navigieren wir uns über den Tasermiutfjord und im Laufe des Morgens hebt sich das Grau. Die Strecke nach Frederiksdal  kennen wir noch gut vom letzten Jahr. Ein Eisberg verstopfte damals spektakulär die Ausfahrt aus den sicheren Schären. Zwischen Felsen und Eisberg quetschten wir uns auf das Meer. Die Wellen waren beeindruckend – haben wir nicht vergessen. Heute läuft es gut. Die Bedingungen sind ordentlich. Die Dünung hebt und senkt die Kajaks eher unmerklich.

Wir erreichen Stordalen bei Ebbe
Geheimnisvoller Torsukkatakfjord

Auch der nächste Tag empfängt uns mit Nebel und später mit leichtem Nieselregen. Dennoch ist der Torsukkatakfjord großartig; im wahrsten Sinne des Wortes. Superlative nutzen sich gelegentlich ab.  Aber es ist so, wie wir das hier schreiben: Es ist schlicht großartig! Das Wasser gurgelt entlang des Kajaks. Stunde um Stunde fahren wir tiefer in den Fjord hinein und können uns kaum sattsehen. Schwarz, grau und silber wechselt sich ab. Nebel zwischen den Felsen und auf dem Meer in allen Facetten. Und am Ende des Tages kommt am Ende des Fjords in Stordalen die Sonne durch die Wolken. Geradezu episch! Hier wollen wir erstmal bleiben. Die Bucht liegt geschützt zwischen den Bergen. Den Ruhetag nutzen wir für ein ausgiebiges Frühstück und für das Sortieren der Ausrüstung. Das diesmal mitgenommene Gewehr ist sperrig. Wasserdicht verpackt nimmt es ganz schön Platz weg. Nach endlosen Überlegungen und Diskussionen mit anderen Reisenden, Einheimischen und „Experten“ haben wir uns für diese Waffe entschieden. Nachdem im Vorjahr 8 Eisbären in Südgrönland unterwegs waren, wollten wir dieses Jahr nicht völlig wehrlos sein. Zudem haben wir einen Alarmzaun dabei, den wir nachts um das Zelt stellen können. Eisbären sind in Südgrönland eher selten. Sie treiben manchmal mit dem Packeis des Ostgrönlandstroms um das Kap Farvel herum und gehen hier an Land. Eine Begegnung ist sicherlich nicht besonders witzig. Auf jeden Fall macht das Gewehr ordentlich Lärm. Das Echo der Probesschüsse hallt lange zwischen den Bergen. Nachmittags steigen wir auf den Berg auf der anderen Seite des Flusses. Leider verfolgen uns tausende von Quälgeistern bis zum Gipfel. Es ist nicht zu glauben, dass diese Moskitos mit ihrem winzigen Muskelapparat so dermaßen ausdauernd sind. Eines ist schon mal klar. Das Moskitonetz ist wichtiger als unser Eisbärenschreck. Dafür ist die Aussicht auf die Fjorde phänomenal. Am nächsten Morgen packen wir alles wieder ein und setzen unsere Reise fort. Kurs Ost mit einem kurzen Stopp in Aappilattoq. Diese phantastische Siedlung besteht aus weniger als 100 Einwohnern. Fischerei und Jagd sind die Haupterwerbsmöglichkeiten. Immerhin gibt es eine Schule mit einem Gemeinschaftshaus, einen kleinen Supermarkt, eine Fischverarbeitung und natürlich einen Fußballplatz. Der Ort ist im Prinzip nur mit dem Boot zu erreichen. Steile Felswände begrenzen den Ort. Man darf sich hier einfach nicht auf die Nerven gehen, sonst wird es eng. Weg kannst Du nur mit dem Boot. Wir verständigen uns mehr mit Händen und Füßen. Englisch und dänisch wird kaum gesprochen und unser grönländischer Wortschatz ist mehr als rudimentär. Mit Johannes vom Supermarkt können wir uns wenigstens ein bißchen unterhalten. Er zeigt uns auf der Karte ein paar alte Inuitsiedlungen, welche wir uns ansehen wollen. Noch vor wenigen Jahrzehnten lebten hier die Familien in Erdhäusern. Gejagt wurde mit den Kajaks (grönländisch Qajaq). Heute gibt es in Aappilattoq offenbar kein einziges Kajak mehr. Dabei ist es wirklich eines der genialsten Erfindungen im Bootsbau. Flexibel, leicht, schnell und sicher um nur ein paar der tollen Eigenschaften zu beschreiben. Abends legen wir wieder ab und setzen unseren Kurs Richtung Osten fort. Zwei Tage ist es grau in grau. Zwischendurch besteigen wir als Ausgleich für die Beine den Berg Pkt. 788m. Auch hier verfolgt uns die Moskitowolke bis knapp unter den Gipfel. Als wir dann mit den Kajaks die Fjordkreuzung Ikeq erreichen, spannt sich über uns ein Regenbogen. Für einen kurzen Moment färbt sich der Himmel in alle möglichen violett und Blautöne. Wetterbesserung ist in Sicht.

 

 

 


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