2025 – Ins kalte Herz von Nussuaq

2025 – Ins kalte Herz von Nussuaq

16. August 2025: Aus dem Nebelgrau fallen einzelne nasse Schneeflocken – sie legen sich auf mein Gesicht und schmelzen zu Wassertropfen. Heute ist es unangenehm kalt! Die Tundralandschaft strahlt, anders als gestern, melanchonische Einsamkeit aus. Das Wasser kocht – Dampf steigt auf. Ich drehe den fauchenden Kocher ab. – schlagartig ist Ruhe, nur der Fluss unterhalb rauscht sein monotones Lied. Zurück ins Zelt in die warmen Daunenschlafsäcke zum Frühstück. Wir strecken uns nochmal aus und beraten gemeinsam den Tag. Viele Optionen gibt es nicht! Wir ziehen besser weiter, bevor das Zelt komplett nass ist. Rasch packen wir unser Habseligkeiten zusammen. Das letzte Teil unserer Ausrüstung ist die ThermaRest Isomatte. Ich öffne das Ventil- die Luft zischt aus der Matte – Zeichen zum Aufbruch. Die Wolken sinken ab und hüllen uns ein. Wir mühen uns die Anhöhen hinauf, durchqueren Sumpfgelände und gewinnen langsam Höhe. Es wird uns trotzdem nicht richtig warm. Schon vor Mittag beschließen wir, unser nächstes bescheidenes Camp aufzubauen. Den eiskalten Fluss wollen wir heute nicht mehr durchqueren. Ab ins Zelt und in die trockenen Daunenschlafsäcke. Wir sind so müde, dass wir schlafen, schlafen, schlafen. Fast 20 Stunden liegen wir im Zelt und schöpfen Kraft.

Polarfuchs

Zaghaft öffnen wir am nächsten Morgen den Reißverschluss. Zu unserer freudigen Überraschung ist das grau weg! Die aufgehende Sonne beleuchtet verschneite Berggipfel, in der Ferne ziehen Rentiere talwärts. Die Welt ist wieder farbig geworden. Heißer Tee weckt unsere Lebensgeister! Alles ist anders als gestern! Den nahen Fluss durchqueren wir flott in unseren Neoprenschuhen. Das Wasser ist beißend kalt, egal! Unsere Füße spüren wir zwar erst nach einer weiteren Stunde Fußmarsch, aber wir sind an einem phantastischen Ort: Das Hochland der Nussuaq-Halbinsel. Das Land strahlt eine unfassbare Ruhe aus. Und da ist er endlich: der Sarqap Taserssua, der türkisgrünblaue See, den wir zu Hause auf Satelitenbildern bewundert haben.

Der sagenhafte See Sarqap Taserssua vom Packraft aus.

Rückblende: Als wir zwei Wochen zuvor in Ilulissat landen, ist das der vorletzte Tag eines Hochdruckgebiets, dass sich so langsam verabschiedet. Und damit verabschiedet sich auch der Sommer bereits Anfang August. Wir machen unsere bei der Diskoline eingemotteten Kajaks wieder flott. Wenige Stunden nach der Landung sitzen wir in den Kajaks und ziehen die Paddel durch das eiskalte Wasser. Überall Eisberge. Die tief stehende Sonne taucht das Eis in warmes Licht. Ein Buckelwal winkt mit der Fluke. Willkommen im Paradies!

Unser diesjähriges Ziel ist die kleine Siedling Saqqaq am Vaigat, der die Nussuaq-Halbinsel von der Diskoinsel trennt. Auf nördlichem Kurs verlassen wir Ilulissat. Wir passieren den Flughafen, der seit Jahren ausgebaut wird. Die neue Piste wird über 2 Kilometer lang, damit ab 2026 Jets aus Übersee landen können. Ob das die richtige Maßnahme für eine florierende und nachhaltige Touristikwirtschaft ist, bezweifeln nicht nur wir. Eifrig werkeln Bulldozer und Trucks auf der Baustelle! Wir lassen den Lärm hinter uns und schlagen nicht weit weg von Rodebay unser Zelt auf. Dieses Jahr haben wir nur ein kleines Zelt dabei, um von Saqqaq zu Fuß mit dem Rucksack ins zentrale Hochland zu wandern. Wir müssen Gewicht sparen. Eine spannende Kombitour mit Kajak, Zelt und Packrafts haben wir für diesen Sommer geplant.

Eisberge vor der Diskoinsel in „öligem“ Wasser

Einige Tage später erreichen wir den Eqi Gletscher. Eine riesige Eisfront spuckt spektakulär immer wieder neue Eisberge ins Meer. Es donnert und kracht. In sicherer Entfernung bauen wir auf einem Hügel unser Zelt auf. Aus Furcht vor den Tsunamiwellen ziehen wir unsere beiden Kajaks weit den Berg hinauf. Eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt befindet sich das Eqi-Camp mit Touristen-Hütten und einer gewissen Infrastruktur. Täglich kommen Boote und Kreuzfahrer in den Fjord. Für unseren Geschmack etwas zu viel Trubel. Aber es ist halt auch ein schöner und spannender Gletscher. Nach 2 Nächten sitzen wir wieder in unseren Kajaks, um auf die andere Seite zu kommen. Von dort wollen wir zum Inlandeis vorstoßen. Das Eis wird jedoch immer dichter. Der zunehmende Südwind treibt Eisschollen und Eisbrocken mehr und mehr zusammen. Wir bahnen uns mit den Kajaks den Weg durch das Eis. Mit dem Bug rammen wir die Brocken seitwärts und müssen irgendwann doch kapitulieren. Die Vorstellung, dass wir tagelang in der angepeilten Bucht festsitzen, eingeschlossen im Eis, ist nicht verlockend. Und wir sollten recht behalten: 3 Tage später beobachteten wir von der anderen Seite genau dieses Szenario: Das Eis blieb in der Bucht und wahrscheinlich würden wir da noch heute warten und warten 🙂

Wir drehen bei und umfahren das Ganze wieder in westlicher Richtung. Dabei begegnen wir einem Kreuzfahrtriesen. Luxus meets Kajak. Touristen werden ausgebootet und jagen in Windeseile mit den bordeigenen Zodiac Schlauchbooten zum Eqi Gletscher.

Nach einem Pausentag und einem Hike in die Berge hat es abends aufgeklart. Es wird windstill und kalt. Somit haben wir den ersten Nachtfrost auf unserer Tour. Mit den Kajaks fahren wir frühmorgens nordwärts in den Sund zwischen dem Arve Prinsens Eiland und ein paar vorgelagerten Inseln. Das Meer beginnt zuzufrieren. Zwischen den Eisbrocken gefriert das Wasser. Wir zerschneiden mit unseren robusten Kajaks die dünnen Eisplatten, anfangs noch vorsichtig, später mit immer größerer Wucht. Manchmal stecken wir fest.

24 Stunden später hat das klare Wetter umgeschlagen in Nebelregen und Kälte. So richtig gut meint es das Wetter nicht mit uns. Vor allem die Füße sind kalt und sie werden auch nach einigen Stunden im Kajak nicht wärmer. Dafür passieren wir im Torsukattakfjord wunderbare Eisberge mit phantastischen Farben und Formen.

Vogelperspektive

Schemenhaft taucht genau auf unserem Kurs in Schleichfahrt ein Schiff aus dem Nebel auf. Mit dem Schiffshorn werden wir begrüßt. Wir hören Stimmen, klingt sehr norddeutsch. „Moin, Moin, wo kommt Ihr denn her? Wollt ihr einen heißen Kakao?“ Neugierige Menschen schauen die Bordwand hinunter, 2 neugierige Kajaker schauen die Bordwand hoch. „Ja natürlich, wir wollen einen heißen Kakao!“

Tolle Begegnung mit der Cape Race im Torsukattakfjord

Eine halbe Stunde hängen wir am Tau der Cape Race, einem Expeditionsschiff aus Hamburg und wir tauschen uns aus nach dem woher und wohin! 12 Passagiere sind an Bord + Besatzung. Beste Laune und beste Stimmung auf der Cape Race. Wir bekommen sogar noch frisches Brot vom Schiffsbäcker und können unser Glück kaum fassen. Eine wahnsinnig schöne Begegnung mit super netten Leuten. Kapitän Marc verabschiedet uns mit dem Schiffshorn und die Wege trennen sich. Zurück bleibt der Küstennebel. War das jetzt eine Fata Morgana? Das frische Brot liegt in meiner Luke, kein Traum!

Eine Bucht am nördlichen Arve Prinsens Ejland mit Vogelkolonie und ein paar Polarfüchsen bietet uns Robinson Crusoe Atmosphäre für einen Abend. Das Nebelwetter hält an, wir verlassen den Torssukattakfjord und hangeln uns am Vaigat entlang nach Saqqaq. Selten haben wir so tolle Eisberge gesehen. Groß und in allen Farben und Formen. Wir haben dort die Möglichkeit, unsere Kajaks über den kommenden Winter einzulagern. In Saqqaq gibt es ein Gemeindehaus mit öffentlichen Duschen. Eine heiße Dusche nach Tagen im Outback ist einfach unbeschreiblich. Wie aus dem Ei gepellt! Gestärkt bereiten wir unsere Trekkingtour von Saqqaq aus vor. Die Wetterprognosen schwanken, aber wann ist so eine Tour schon optimal? Bei Sonnnenschein starten wir nach Norden. Bleischwer unsere Rucksäcke. Lebensmittel für eine Woche und zusätzlich sind wir mit zwei Packrafts beladen. Den sagenhaften Rinnensee im Landesinneren wollen wir mit eigenen Augen sehen. Satelitenbilder haben uns neugierig gemacht.

Schwarzer Eisberg vor Saqqaq
Mächtiges Rentiergeweih in Saputit
Sprung über den Bach. Die Rucksäcke sind schwer wie Blei

Nach den vielen Tagen im Kajak müssen wir unsere Gelenke erstmal wieder entrosten. Bewegung tut gut, auch wenn die Rucksäcke uns wirklich schwer zusetzen. Wir stoßen am zweiten Tag auf den Saqqaq River und laufen von da an links vom Fluss nach Norden bis zu der eingangs beschriebenen Szene. Gefühlt ist der Herbst da. Über Nacht färben sich Mitte August die Zwergweiden in prächtiges gelb. Am 4. Tag unseres Hikes erreichen wir den Rinnensee Sarqap Taserssua und staunen über diese grandiose Landschaft. Wir sind absolut im Hier und Jetzt. In einem Loop geht es am Seeufer entlang und dann wieder südwärts. Immer wieder sichten wir Rentiere (grönländisch Tuttu). Es scheint, dass die langen Schäfte unserer Paddel die Rentiere anlocken, weil sie von weitem wie Geweihe aus dem Rucksack über unsere Köpfe herausragen. In jedem Fall sind die Tiere neugierig!

Beeindruckend, der Sarqap Taserssua

Der Saqqaq-River ist erst im Unterlauf befahrbar. Durch den Neuschnee in den Bergen und dem inzwischen etwas wärmern Wetter, ist der Pegel zum Glück etwas angestiegen. Das Wasser ist braun und undurchsichtig aufgrund der vielen Schwebeteilchen und dem vulkanischem Sand. Der Fluss mäandriert hinunter ins Polarmeer und ist auch nicht besonders tief (vor allem im Mündungsbereich). Mit den Pumpsäcken blasen wir fix die beiden Packrafts auf und befestigen jeweils den Rucksack an den Zurrschlaufen. Ingrids Packraft wiegt nur 1.6 kg. Mein Anfibio Sigma wiegt 400 Gramm mehr. Zusätzlich haben wir aus Sicherheitsgründen eine aufblasbare Bodenmatte dabei. Der Saqqaqriver schlängelt sich munter dahin. Wir ahnen es bereits: Heute wird der schönste Tag unserer Trekkingtour. Und es ist wirklich so: Die „Flusskreuzfahrt“ ist die Kirsche auf der Torte“.

Vorbereitung der Flussfahrt
Have fun!
Der Fluss mündet im Vaigat mit vielen Eisbergen (Blick auf die Diskoinsel)