2025 – Ins kalte Herz von Nussuaq

2025 – Ins kalte Herz von Nussuaq

Aus dem Nebelgrau fallen erste nasse Schneeflocken – sie legen sich auf mein Gesicht und schmelzen zu Wassertropfen. Heute ist es unangenehm kalt! Die Tundralandschaft strahlt, anders als gestern, melanchonische Einsamkeit aus. Das Wasser kocht – Dampf steigt auf. Ich drehe den fauchenden Kocher ab. – schlagartig ist Ruhe, nur der Fluss unterhalb rauscht sein monotones Lied. Zurück ins Zelt in die warmen Daunenschlafsäcke zum Frühstück. Wir strecken uns nochmal aus und beraten den Tag. Die Entscheidung steht schnell: wir ziehen weiter, bevor wir das Zelt komplett nass einpacken müssen. Morgens in klamme Bergschuhe zu steigen, ist der lästigste Teil des Tages. Zügig packen wir unser Habseligkeiten zusammen. Die Wolken sinken ab und hüllen uns ein. Wir mühen uns die Anhöhen hinauf, durchqueren Sumpfgelände und gewinnen langsam Höhe. Es wird uns trotzdem nicht richtig warm. Schon vor Mittag beschließen wir, unser nächstes bescheidenes Camp aufzubauen. Den eiskalten Fluss wollen wir heute nicht mehr durchqueren. Ab ins Zelt und in die trockenen Daunenschlafsäcke. Wir sind so müde, dass wir schlafen, schlafen, schlafen. Fast 20 Stunden liegen wir im Zelt und schöpfen Kraft. Zaghaft öffnen wir am nächsten Morgen den Reißverschluss. Zu unserer Überraschung ist das grau weg! Die aufgehende Sonne beleuchtet verschneite Berggipfel, in der Ferne ziehen Rentiere talwärts. Die Welt ist wieder farbig geworden. Heißer Tee weckt unsere Lebensgeister! Alles ist anders als gestern! Den nahen Fluss durchqueren wir in unseren Neoprenschuhen. Das Wasser ist beißend kalt, egal! Unsere Füße spüren wir zwar erst nach einer weiteren Stunde Fußmarsch, aber wir sind an einem phantastischen Ort: Das Hochland der Nussuaq-Halbinsel strahlt eine unfassbare Ruhe aus. Und da ist er endlich: der Sarqap Taserssua, der türkisgrünblaue See, den wir zu Hause auf Satelitenbildern bewundert haben. Großes Kino!

Der sagenhafte See Sarqap Taserssua vom Packraft aus.

Rückblende: Als wir zwei Wochen zuvor in Ilulissat landen, ist das der vorletzte Tag eines Hochdruckgebiets, dass sich so langsam verabschiedet. Und damit verabschiedet sich auch der Sommer bereits Anfang August. Wir machen die bei der Diskoline eingemotteten Kajaks wieder flott. Wenige Stunden nach der Landung sitzen wir in den Kajaks und ziehen die Paddel durch das eiskalte Wasser. Überall Eisberge. Die tief stehende Sonne taucht das Eis in warmes Licht. Ein Buckelwal winkt mit der Fluke. Willkommen im Paradies!

Unser diesjähriges Ziel ist die kleine Siedling Saqqaq am Vaigat, der die Nussuaq-Halbinsel von der Diskoinsel trennt. Auf nördlichem Kurs verlassen wir Ilulissat. Wir passieren den Flughafen, der seit Jahren ausgebaut wird. Die neue Piste wird über 2 Kilometer lang, damit ab 2026 Jets aus Übersee landen können. Ob das die richtige Maßnahme für eine florierende und nachhaltige Touristikwirtschaft ist, bezweifeln nicht nur wir. Eifrig werkeln Bulldozer und Trucks auf der Baustelle! Wir lassen den Lärm hinter uns und schlagen nicht weit weg von Rodebay unser Zelt auf. Dieses Jahr haben wir nur ein kleines Zelt dabei, um von Saqqaq zu Fuß mit dem Rucksack ins zentrale Hochland zu wandern. Wir müssen Gewicht sparen. Eine spannende Kombitour mit Kajak, Zelt und Packrafts haben wir für diesen Sommer geplant.

Eisberge vor der Diskoinsel in „öligem“ Wasser

Einige Tage später erreichen wir den Eqi Gletscher. Eine riesige Eisfront spuckt spektakulär immer wieder neue Eisberge ins Meer. Es donnert und kracht. In sicherer Entfernung bauen wir auf einem Hügel unser Zelt auf. Aus Furcht vor den Tsunamiwellen ziehen wir unsere beiden Kajaks weit den Berg hinauf. Eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt befindet sich das Eqi-Camp mit Touristen-Hütten und einer gewissen Infrastruktur. Täglich kommen Boote und Kreutzfahrer in den Fjord. Für unseren Geschmack etwas zu viel Trubel. Aber es ist halt auch ein schöner und spannender Gletscher. Nach 2 Nächten sitzen wir wieder in unseren Kajaks, um auf die andere Seite zu kommen. Von dort wollen wir zum Inlandeis vorstoßen. Das Eis wird jedoch immer dichter. Der zunehmende Südwind treibt Eisschollen und Eisbrocken mehr und mehr zusammen. Wir bahnen uns mit den Kajaks den Weg durch das Eis. Mit dem Bug rammen wir die Brocken seitwärts und müssen irgendwann doch kapitulieren. Die Vorstellung, dass wir tagelang in der angepeilten Bucht festsitzen, eingeschlossen im Eis, ist nicht verlockend. Und wir sollten recht behalten: 3 Tage später beobachteten wir von der anderen Seite genau dieses Szenario: Das Eis blieb in der Bucht und wahrscheinlich würden wir da noch heute warten und warten 🙂

Wir drehen bei und umfahren das Ganze wieder in westlicher Richtung. Dabei begegnen wir einem Kreutzfahrtriesen. Luxus meets Kajak. Touristen werden ausgebootet und jagen in windeseile mit den bordeigenen Zodiac Schlauchbooten zum Eqi Gletscher.

Nach einem Pausentag und einem Hike in die Berge hat es abends aufgeklart. Es wird windstill und kalt. Somit haben wir den ersten Nachtfrost auf unserer Tour. Mit den Kajaks fahren wir frühmorgens nordwärts in den Sund zwischen dem Arve Prinsens Eiland und ein paar vorgelagerten Inseln. Das Meer beginnt zuzufrieren. Zwischen den Eisbrocken gefriert das Wasser. Wir zerschneiden mit unseren robusten Kajaks die dünnen Eisplatten, anfangs noch vorsichtig, später mit immer größerer Wucht. Manchmal stecken wir fest.

24 Stunden später hat das klare Wetter umgeschlagen in Nebelregen und Kälte. So richtig gut meint es das Wetter nicht mit uns. Vor allem die Füße sind kalt und sie werden auch nach einigen Stunden im Kajak nicht wärmer. Dafür passieren wir im Torsukattakfjord wunderbare Eisberge mit phantastischen Farben und Formen. Schemenhaft taucht genau auf unserem Kurs in Schleichfahrt ein Schiff aus dem Nebel auf. Mit dem Schiffshorn werden wir begrüßt. Wir hören Stimmen, klingt sehr deutsch. „Moin, Moin, wo kommt Ihr denn her? Wollt ihr einen heißen Kakao?“ Neugierige Menschen schauen die Bordwand hinunter, 2 neugierige Kajaker schauen die Bordwand hoch. „Ja natürlich, wir wollen einen heißen Kakao!“ Eine halbe Stunde hängen wir am Tau der Cape Race, einem Expeditionsschiff aus Hamburg und wir tauschen uns aus nach dem woher und wohin! 12 Passagiere sind an Bord + Besatzung. Beste Laune und beste Stimmung auf der Cape Race. Wir bekommen sogar noch frisches Brot vom Schiffsbäcker und können unser Glück kaum fassen. Eine wahnsinnig schöne Begegnung mit super netten Leuten. Kapitän Marc verabschiedet uns mit dem Schiffshorn und die Wege trennen sich. Zurück bleibt der Küstennebel. War das jetzt eine Fata Morgana? Das frische Brot liegt in meiner Luke, kein Traum!

Eine Bucht am nördlichen Arve Prinsens Ejland mit Vogelkolonie und ein Paar Polarfüchsen bietet uns Robinson Crusoe Atmosphäre für einen Abend. Das Nebelwetter hält an, wir verlassen den Torssukattakfjord und hangeln uns am Vaigat entlang nach Saqqaq. Selten haben wir so tolle Eisberge gesehen. Groß und in allen Farben und Formen. Wir haben dort die Möglichkeit, unsere Kajaks über den kommenden Winter einzulagern. In Saqqaq gibt es ein Gemeindehaus mit öffentlichen Duschen. Eine heiße Dusche nach Tagen im Outback ist einfach unbeschreiblich. Wie aus dem Ei gepellt! Gestärkt bereiten wir unsere Trekkingtour von Saqqaq aus vor. Die Wetterprognosen schwanken, aber wann ist es so eine Tour schon optimal? Bei Sonnnenschein starten wir nach Norden. Bleischwer unsere Rucksäcke. Lebensmittel für eine Woche und zusätzlich sind wir mit zwei Packrafts beladen. Der sagenhaften Rinnensee im Landesinneren wollen wir mit eigenen Augen sehen. Satelitenbilder haben uns neugierig gemacht.

Schwarzer Eisberg vor Saqqaq
Sprung über den Bach. Die Rucksäcke sind schwer wie Blei

Der Bericht wird in Kürze fortgesetzt.